(Bewerbungsreportage bei der Henri-Nannen-Schule: Sieben Stunden Zeit von Themenausgabe bis zur Abgabe der Reportage. Aufgabe war es, eine „Momentaufnahme der Reeperbahn“ einzufangen. Hier ist meine Momentaufnahme!)

Die Straße als Wartezimmer

Menschen auf der Straße fehlt es an vielem, auch an medizinischer Hilfe. Eine Gruppe freiwilliger Ärzte versucht das zu ändern. Sie kommt mit einer fahrbaren Praxis direkt auf die Reeperbahn.

Harte Pflastersteine statt bequemer Stühle, Obdachlosenzeitschrift statt Hochglanzmagazin, Straßenlärm statt Radiogedudel – Nico und Uwe sitzen in einem besonderen Wartezimmer. Es ist ein Gehweg, mitten auf der Reeperbahn.

Beide tragen alte, teils dreckige Klamotten, ihre Haare sind ungekämmt, ihre Hände übersäht mit Hornhaut und Schwielen. Die sind aber nicht ihr größtes Problem.

„Guck hier, mein Hals ist geschwollen“, sagt Nico, der ungefähr 30 Jahre alt ist, und dreht seinen Kopf, um die Schwellung zu zeigen. Sein Haar ist dunkelblond, nebem seinem Mund ist ein Schmutzfleck und seine ruckartigen Hand- und Kopfbewegungen verleihen ihm etwas linkisches.

Neben ihm hat Uwe seinen linken Schuh ausgezogen, der große Zeh ist ein einem provisorischen Verband eingewickelt.

„Hab im Antoni Park gepennt“, erzählt der Mann mit faltigem, wettergegerbten Gesicht. „Da sind drei Russen vorbeigekommen und haben mich ohne Grund zusammengetreten.“ Der Zeh ist das Resultat davon.

Die mobile Praxis – ehemals eine mobile Maske!

Beide blicken auf, als die Schiebetür eines weißen, kastenförmigen Transporters aufgeht, der vor ihnen steht. „Medecin – Medico“ prangt in roter Schrift an der Fensterscheibe. Es ist die Praxis von ArztMobil Hamburg, einer Gruppe von Ärzten, die jeden zweiten Sonntag hier bedürftige Menschen kostenlos behandelt.

„Ich sehe die Not, ich habe die Fähigkeiten zu helfen, dann opfer‘ ich gerne einen Teil meiner Freizeit“, erklärt Dr. Levke Sonntag. Sie hat gerade eine 24-Stunden-Schicht im Krankenhaus hinter sich – jetzt hilft sie Uwe, der ihre aus dem „Wartezimmer“ entgegen humpelt.

Der Wagen ist geräumig, ohne Probleme passt eine weiße Liege hinein, auf der die Patienten sitzen können. An den Wänden sind diverse Schubladen befestigt, eine ist mit „Salben“ beschriftet, eine andere mit „Notfall“. „Falls einer mal zusammenklappt, haben wir alles nötige drin“, erklärt Ronald Kelm, einer der Initiatoren der Gruppe.

So dramatisch ist es aber selten, stattdessen gibt es „ein buntes Potpourri wie bei einem Hausarzt“, sagt Dr. Sonntag. Von Husten über Schuppenpflechte bis zur Nachsorge einer Zehamputation sei alles dabei.

Die Liege, auf der die Patienten sitzen können. Gut zu sehen auch das Wasser, das viele in die Hand gedrückt bekommen

Während Uwe behandelt wird, stützt draußen ein junger Mann einen anderen Patienten. „Ich kenne ihn nicht, hab ihm Essen gegeben, aber er ist ganz wackelig auf den Beinen“, berichtet der Mann. „Wir kennen ihn“, sagt Julia Herrmann, eine der Pflegerinnen, freundlich. Der kranke Mann war schonmal hier.

Diesmal will er die Hilfe nicht annehmen, aber sein Begleiter redet in einer fremden Sprache energisch auf ihn ein. Der kranke Mann klammert sich an seinen Kaffeebecher und schwankt bedrohlich in Richtung des Begleiters. Irgendwann gibt er auf und lässt sich vor dem Wagen nieder.

Aus dem steigt Uwe wieder aus, mit einem frischen Verband um seinen Zeh. Oft gibt Ronald Kelm auch frische Socken oder – bei Pilzerkrankungen – frische Unterhosen mit. Es sind nicht immer die Medikamente, die den Menschen auf der Straße am meisten helfen.

Vor dem Wagen wird jetzt gefeilscht. „Ich schenk dir eine Schachtel Zigaretten, wenn du ihn vorlässt“, bietet der junge Mann an und deutet auf den kranken Mann, der selbst im Sitzen noch leicht schwankt. Nico überlegt kurz, dann ruft er Julia Herrmann zu: „Lass ihn vor, lass ihn vor!“ Die Zigarettenschachtel wechselt den Besitzer.

Als Nico wieder sitzt, winkt er mit einer ruckartigen Handbewegung Julia Herrmann zu sich heran. Herrmann beugt sich zu ihm herunter, er legt eine Hand auf ihre Schulter. „Julia, hab dich lieb“, sagt er und spricht fürs gesamte Wartezimmer.

30 Minuten später ist der schwankende Mann soweit wieder aufgepäppelt, dass er die Kraft hat, eine Kette von über 20 pinken Luftballons am Wagen vorbei zu ziehen – die Dekoration eines Nachbargeschäfts, die sich gelöst hatte.

Einzelne Luftballons zerplatzen an den kleinen Scherben auf dem Pflaster, die Männer im Wartezimmer sind amüsiert.

Einer von ihnen, Rafael, der einen Freund zum ArztMobil begleitet hat, jagt den Luftballons hinter her, Feuerzeug gezückt, um noch mehr zum Platzen zu bringen.

Zweimal knallt es zur Freude der Zuschauer, dann gerät Rafael aus dem Gleichgewicht und fällt mit beiden Händen voran auf den Gehweg. Das Wartezimmer lacht, aber für Rafael ist der Sturz schmerzhaft – er hat sich die Hand aufgeschnitten.

Drei Tropfen Blut fallen auf den Gehweg und vermischen sich dort mit dem Nieselregel. Dann ist Julia Herrmann mit Desinfektionsmittel zur Stelle.

„Hand umdrehen. Hand umdrehen!“, befiehlt sich Rafael, um die Wunde zu säubern. Aus dem Wagen bekommt sie ein Pflaster. „Nee, nee, stop!“, sagt Herrmann zu Rafael, als der nochmal mit dem blutigen Tupfer über die Wunde gehen möchte. Stattdessen klebt sie schnell das Pflaster auf seinen Daumen.

Es ist die letzte Behandlung des Tages. Das Team verabschiedet sich – und das Wartezimmer wird wieder zum Gehweg.

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